• Titelblatt einer musikalischen Auslese.
    Frontispice d'un recueil de musique. Henri FANTIN-LATOUR (1836 - 1904) 1888 Palais des Beaux-Arts de Lille

    Henri FANTIN-LATOUR (1836 - 1904)

  • Das Rheingold - Erste Szene.
     Scène première du Rheingold (L'Or du Rhin). Henri FANTIN-LATOUR (1836 - 1904) 1888 Kunsthalle

    Henri FANTIN-LATOUR (1836 - 1904)

  • Richard Wagner.
    Richard Wagner. Pierre Auguste RENOIR (1841 - 1919) 1882 Musée d'Orsay

    Pierre Auguste RENOIR (1841 - 1919)

  • Richard Wagner.
    Richard Wagner. Henri Jules Charles de GROUX (1867 - 1930) Musée d'Orsay

    Henri Jules Charles de GROUX (1867 - 1930)

Das Wagnersche Genie

Date de publication : mars 2016

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Contexte historique

Wagner: Eine Aura über Zeit und Grenzen hinweg

Wagner hat die Malerei offensichtlich nicht sehr geschätzt. Sie ließ ihn „im Grunde vollkommen kalt“ (Thomas Mann). Liegt der Grund darin, dass die Malerei der visionären Vorstellungskraft des Komponisten zu enge, starre und materielle Grenzen setzt? Angesichts der Darstellungen zahlreicher, insbesondere französischer Künstler besteht an dem visuellen Charakter der Wagnerschen Werke kein Zweifel. Weit über Bayreuth und Wagners Tod im Jahr 1883 hinaus brachte die Aura des Meisters in Paris zahlreiche Enthusiasten hervor, machte seine Opern zu Bühnenerfolgen und führte im Jahre 1885 sogar zur Gründung einer Revue wagnérienne; und sie entfachte das Verlangen nach bildnerischer Darstellung. 
Vor allem das Jahr 1861 ist ein entscheidendes Datum. In diesem Jahr führt der in Paris im Exil lebende Musiker an der Oper Tannhäuser auf. Die insgesamt nur drei Aufführungen reichen aus, um eine lebhafte Auseinandersetzung über das „Wagnersche Genie“ in Gang zu setzen, die von Baudelaire initiiert und leidenschaftlich ausgetragen wird. Der Krieg zwischen Frankreich und Preußen im Jahr 1870 verschärft die Diskussion. Ein national gesinnter Teil des Publikums stößt sich am germanischen Charakter der Musik des Meisters. Ein anderer Teil des Publikums, aus überzeugten Wagnerianern bestehend, verkündet seinen Enthusiasmus. 
Der Maler Henri Fantin-Latour ist einer davon: Als großer Musikliebhaber ist er einer der wenigen Zeitzeugen, die 1876 in Bayreuth die Uraufführung des Rings miterleben. Einige Jahre später tritt Auguste Renoir ebenfalls die Pilgerreise nach Bayreuth an, wo er einer Aufführung der Walküre beiwohnt. Renoir, als Zuschauer kritischer und nüchterner, ist einer der wenigen französischen Maler, die dem Meister persönlich begegnet sind, um sein Porträt zu malen. 
De Groux entdeckt das Wagnersche Werk nicht in Bayreuth, sondern durch die zahlreichen Soireen, die ihm das Théâtre de la Monnaie in Brüssel widmet, und bei den Concerts Colonne in Paris. In der Dunkelheit dieser Konzertsäle findet der Maler zu neuer schöpferischer Kraft und fühlt die Grenzen seiner Kunst ... „Eine späte Offenbarung meiner wahren und nicht mehr erfüllbaren Berufung, die darin bestand, nicht Maler, sondern Musiker und Komponist zu werden. Und diese wunderbare und niederschlagende Entdeckung verdanke ich Wagner ...“(Henry de Groux, Journal, 19. Juli 1897) 

Analyse des images

Wenn Pinsel und Farben sich mit dem Wagnerschen Genie messen

Der Wagnerismus hat zunächst nur ein Gesicht: das des Komponisten. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts verbindet sich der Geniekult automatisch mit dem Gesicht des Komponisten. Dies erklärt zum Beispiel die Eile, mit der Renoir 1882 Wagner um eine Begegnung bittet, um sein Porträt malen zu können. Das Resultat dieser sehr frühen impressionistischen Aneignung der germanischen Ikone enttäuscht den Musiker jedoch, der für die künstlerischen Innovationen seiner Zeit nur wenig empfänglich ist. Das stark zur Seite gedrehte Gesicht, der in die Ferne gerichtete und verträumte Blick, die weich gezeichneten Gesichtsteile und die blaue und rosa Farbgebung stellen in der Tat ein liebenswürdiges und menschliches Gesicht dar. Durch die Errichtung des Wagner-Mythos verwandelt sich das Porträt um die Jahrhundertwende schon bald zur Ikone. De Groux schematisiert daher die Silhouette Wagners, um nur die Formen zu behalten, die den Willen zum Handeln und den visionären Geist zum Ausdruck bringen: Ein autoritäres und herrisches Profil, mit wenigen Pinselstrichen ausgeführt, erstrahlt über Zeit und Raum vor einem monochromen, schwarzen Hintergrund. 
Wagner inspiriert die Maler ebenfalls durch sein zum Kultgegenstand erhobenes Werk. Denn seine Opern sind auch optisch attraktiv. Gestern wie heute stellen sie dem Zuschauer legendäre Landschaften vor: Den Venusberg (Tannhäuser), das Königreich Cornwall (Tristan und Isolde) oder die Tiefen des Rheins (Das Rheingold), die hier von Fantin-Latour dargestellt werden. Der Maler, der 1876 in Bayreuth den Ring sah, nähert sich dem Wagnerschen Werk wie einem Repertoire von Ideen und Themen. Doch über die bloße Illustration hinaus transponiert er seine Erinnerungen an Inszenierungen in lebendige Szenen. Die Musik des Meisters regt Fantin-Latour insbesondere zu einem ambitionierten Projekt an: Es geht darum, „eine Kunst in eine andere zu übersetzen“. „Ich bin der Meinung“, schreibt er, „dass wir uns in der Musik erkennen können. Beim Malen denke ich ständig darüber nach. Ich arbeite ein wenig daran und habe versucht, etwas von dem, was ich empfinde, in meinen Lithographien und kleinen Gemälden zu Berlioz und Wagner zum Ausdruck zu bringen ...“ Dementsprechend erinnert die Bewegung der Rheintöchter, „bald zum Grund, bald in die Höhe“, an den melodischen Aufbau ihres Gesangs in der ersten Szene vom Rheingold. Für Fantin-Latour, wie für die meisten Maler, die sich von Wagners Opern inspirieren lassen, geht es also darum, sich am Wagnerschen Genie zu messen. 

Interprétation

Der Wagnerismus: ein durchlässiger Begriff

Durch ihre Verschiedenheit unterstreichen diese drei Werke die diffuse Gemengelage der Strömungen und Gedanken gegenüber dem Wagnerschen Werk um die Zeit der Jahrhundertwende. Das Werk des Meisters wird entsprechend der individuellen Vorlieben zur Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Empfindungen und Denkweisen. Diese „Vielfalt der Blickwinkel“ ermöglicht es ebenfalls, den schwierigen Begriff des Wagnerismus durch den Hinweis auf seine zahlreichen und sehr oft widersprüchlichen Definitionen kritisch zu hinterfragen. Denn der Wagnerismus ist gleichzeitig eine Bewegung zur Verteidigung des Musikers, eine Reflexion über die Einheit der Künste, ein Aushängeschild der künstlerischen Avantgarde, eine politische Ideologie, ein Absolutes und sogar eine Religion. 

Bibliographie

Annegret FAUSER (dir.), Von Wagner zum Wagnerisme. Musik, Litteratur, Kunst, Politik, >, Leipzig Universität Verlag, 1999 (recueils d’articles en allemand, français et anglais).
Léon GUICHARD, La musique et les lettres au temps du wagnérisme, Paris, PUF, 1963.
Martine KAHANE et Nicole WILD, Wagner et la France, Paris, Herscher, 1983.
Cécile LEBLANC, Wagnérisme et création en France : 1883-1889, Paris, H. Champion, 2005.
Timothée PICARD, Wagner : une question européenne : Contribution à une étude du wagnérisme, 1860-2004, Rennes, PU Rennes, 2006.
 

Pour citer cet article
Marie-Pauline MARTIN, « Das Wagnersche Genie », Histoire par l'image [en ligne], consulté le 16 février 2019. URL : http://www.histoire-image.org/de/etudes/das-wagnersche-genie
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